Äthiopien in Uslar

(von links): Marion Jung (Erziehungsleitung Albert-Schweitzer-Kinderdorf Uslar, Girma Melesse (Kinderdorfleiter Awassa Children Centre, Äthiopien), Corinna Warnecke-Kempe („Dritte Welt und Umwelt e.V.), Bettina Schwedler (Kinderdorfmutter im Albert-Schweitzer-Kinderdorf Uslar), Harald Kremser (Leiter Albert-Schweitzer-Kinderdorf Uslar), Rainer Kempe und Fritz Warnecke (Dritte Welt und Umwelt e.V.)

Der äthiopische Kinderdorfleiter Girma Melesse traf Harald Kremser vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf Uslar zum gegenseitigen Austausch, von dem beide sehr profitierten. Für Kremser wurde klar, wie gut es Institutionen in Deutschland, im Vergleich zu Äthiopien, haben.

Es war schon ein besonderer Moment, als die Delegation um Girma Melesse (Leiter des Awassa Childrens Centre in Äthiopien) auf dem Uslarer Kinderdorfgelände eintraf. Der hiesige Leiter des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs Harald Kremser beobachtete diese Ankunft mit einem gespannten Lächeln. Man war zu einem gemeinsamen fachlichen Austausch zusammengekommen. Organisiert wurde das Treffen von Corinna Warnecke-Kempe von dem Verein „Dritte Welt und Umwelt e.V.“ aus Beverungen.

Besuch aus der Ferne

Regelmäßig kommt der Äthiopier Girma Melesse nach Deutschland, wo er die Hauptförderer seines afrikanischen Kinderdorfs in Freiburg und Beverungen besucht. Von dem 1961 gegründeten Kinderdorf des Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. in Uslar erfuhr er über diesen Kontakt. Sein eigenes Kinderdorf blickt auf keine so lange Geschichte zurück und existiert dank wohlmeinender Spender und vieler helfender Hände seit 1998.
Auf die Erfahrung und die Herangehensweisen im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Uslar war der Äthiopier sehr gespannt. Und Harald Kremser verriet: „Auch, wenn die Umstände völlig andere sind, ist es äußerst spannend zu sehen, wie Kinder- und Jugendhilfe in Äthiopien funktioniert.“
Schnell stiegen die beiden Fachmänner in ein aufschlussreiches und kooperatives Gespräche mithilfe von Übersetzer Rainer Kempe ein. Harald Kremser lud auch Marion Jung, Erziehungsleiterin und Bettina Schwedler, erfahrene Kinderdorfmutter aus dem Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Uslar zum Gespräch ein. Sie schilderten ihre jeweiligen Aufgaben und Blickwinkel auf die Herausforderungen des Alltags im Kinderdorf.
Besonders die vorherrschende Fachlichkeit interessierte dabei Girma Melesse. Anfangs gab es Verständnisprobleme, denn für das Kinderdorf im äthiopischen Awassa ist es beinahe undenkbar, im alltäglichen Ablauf auf mehrere Handvoll ausgebildeter Fachkräfte zurückzugreifen. Der Äthiopier zeigte sich beeindruckt von der fachlichen Qualifikation im Uslarer Albert-Schweitzer-Kinderdorf, welches zusammen mit dem Kinderdorf in Alt Garge unter der Federführung des gemeinnützigen Vereins – dem Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V.- unter der Prämisse von hoher Fachlichkeit und dem Einsatz systemisch-pädagogischer Ansätze geführt wird. In allen Albert-Schweitzer-Kinderdörfern muss die Hausleitung fachlich ausgebildet sein. Auch die weiteren pädagogischen Fachkräfte in den Kinderdorffamilien haben zuvor eine Ausbildung beispielsweise als Erzieher/in oder Heilerziehungspfleger/in genossen. Die Erziehungsleiter mit sozialpädagogischem Studienhintergrund sowie Zusatzausbildungen, wirken im Hintergrund nah an der Familie, unterstützen übergreifend und sind in Notfällen stets zur Stelle.

Viele kulturelle Unterschiede

Auch, dass jede Kinderdorfmutter bei uns einen Ehemann und eigene Kinder haben kann, erstaunte Girma Melesse. Denn dessen angestellte Kinderdorfmütter müssen weder eine explizite Ausbildung absolviert haben, noch dürfen sie Ehemänner oder leibliche Kinder haben. Dafür kommen in das äthiopische Kinderdorf zu regelmäßigen Zeiten Sozialarbeiter und Therapeuten und kümmern sich um die Kinder.

Die fachlich hohe Qualifikation des gesamten Albert-Schweitzer-Kinderdorfteams zeigt, dass Krisensituationen oft noch vor Ort händelbar sind und gut in den Griff bekommen werden. Mit der Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. in Holzminden zeigt sich jedoch ein starker Partner für jene schwierigen Fälle, in denen psychologisch-therapeutische Intensivbetreuung benötigt wird. Die Zugehörigkeit der Klinik zum Familienwerk erleichtert zudem die Inanspruchnahme und garantiert schnelle, zielgerichtete Hilfe auf unkomplizierten Wegen.

Beste Strukturen

Überhaupt ist die Vernetzung der Experten im Albert-Schweitzer-Familienwerk ein klarer Vorteil des Vereins. Selbstverständlich kann ein afrikanisches Kinderdorf von solch hohen Standards leider nur träumen. Doch machte Girma Melesse den Uslarern auch seine Leidenschaft deutlich und zeigte, was er seinen Schützlingen geben kann und dass das Awassa Children Centre den Kindern und Jugendlichen dort echte Chancen für ihr Leben bietet. Ein ausgefeiltes Bildungs- und Ausbildungskonzept vermittelt viele ehemalige Kinderdorfkinder in wertvolle Arbeit. Das deutsche Pendant bietet das Albert-Schweitzer-Kinderdorf Uslar wohl mit dem Jugendwohnen und dem Berufsförderzentrum. Beide stellen weitere Schritte in ein eigenständiges Leben und die Chance auf Ausbildung dar. Auch, wenn die Umstände beider Länder sicher nicht zu vergleichen sind.

Eine Herausforderung mit Herz und Verstand

Dem Uslarer Kinderdorf-Team hat der äthiopische Besuch mit seinem anregenden und interessanten Austausch jedenfalls deutlich vor Augen geführt, wie gut sie es in einer Institution hier in Deutschland haben und auch, was ihnen trotz aller Erfordernisse und Schwierigkeiten noch erspart bleibt: So müssen sie nicht für 21 im Haus lebenden Kinder Wassereimer schleppen, wenn die Toilettenspülung mal wieder ausgefallen ist und sie müssen auch nicht allein die komplette hauswirtschaftliche wie erzieherische Versorgung der Kinder leisten. Einer äthiopischen Kinderdorfmutter steht ein freier Tag im Monat zu. Die Kinderdorfeltern in einem Albert-Schweitzer-Kinderdorf leben zusammen mit bis zu sieben Schützlingen in einem großen Haus, das Einzelzimmer für alle beherbergt, ein Badezimmer auf jeder Etage hat und über einen abgeschlossenen Wohnbereich für die leibliche Familie der Hausleitung verfügt. Erzieherinnen und Hauswirtschaftskräfte unterstützen jede Kinderdorffamilie mit einem festen Stundenkontingent.

Das Leben und Arbeiten im Kinderdorf ist sicher kein Luxus und Kinderdorfmutter oder – durchaus auch ein gängiges Modell: Kinderdorfvater – zu sein, ist auch eher Berufung als Beruf. Doch bietet das Albert-Schweitzer-Familienwerk in einem hochentwickelten Land wie Deutschland seinen Arbeitnehmern wie Schützlingen ein hohes Maß an Lebensqualität und Arbeitsbedingungen. Wer sein Herz dem Großfamilienleben und abwechslungsreichen Herausforderungen öffnen will, kann im Albert-Schweitzer-Kinderdorf seine berufliche Erfüllung finden. Hausleitungen und auch Angestellte in Kinderdorffamilien werden immer gesucht. Mehr Infos gibt es unter: www.kinderdorf-uslar.de oder www.kinderdorf-alt-garge.de.

Swenja Luttermann, PR-Assistentin, Albert-Schweitzer-Familienwerk e.V. Niedersachsen

2018-12-19T09:12:40+00:0017. Dezember 2018|Allgemein, Mitarbeit, Niedersachsen, Pressemitteilungen 2018|
Spendenkonto – IBAN: DE80 1002 0500 0003 3910 01 | BIC: BFSWDE33BER | Bank für Sozialwirtschaft, Berlin »
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