Auf dem Papier ist viel möglich, in der Praxis sieht das leider oft anders aus. (Heinrich Schüz)

33 Jahre hat Heinrich Schüz im Waldenburger Kinderdorf gearbeitet. Zunächst war er stellvertretender Leiter, später Chef. 13 Jahre lebte er mit seiner Familie – seiner Ehefrau und drei inzwischen erwachsenen Kindern – selbst auf dem Gelände des Kinderdorfes. Zwischenzeitlich nahm er in Krisensituationen auch Kinder bei sich auf. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war die Begleitung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Stets hat er sich dafür eingesetzt, dass gute Bedingungen für einen gelungenen Übergang von jungen Menschen aus der Jugendhilfe in ein eigenständiges Leben entstehen.

Heinrich Schüz„Es hat sich schon viel getan in den letzten Jahren“, freut sich Heinrich Schüz. „Zumindest bei uns in der Region ist es für die Jugendämter selbstverständlicher geworden, Hilfen noch bis zum 21. Lebensjahr zu gewähren – und nicht nur bis zum 18.“ Doch das sei nicht überall so, betont Schüz gleichzeitig: „Leider wird mit den jungen Erwachsenen bundesweit sehr unterschiedlich umgegangen. Es kommt immer auf den oder die Sachbearbeiter*in und die örtliche Jugendhilfepolitik an. Auf dem Papier ist viel möglich, in der Praxis sieht das leider oft anders aus. Immer wieder bin ich schockiert, dass Hilfen viel zu früh beendet werden. Das finde ich fatal.“ Ab und zu hat der 65-Jährige Widerspruch gegen Entscheidungen eingelegt. „Ich setze nach, wenn ich das Gefühl habe, da kann ich noch etwas bewegen und der Bedarf realistisch und gut zu begründen ist. Doch real müssen die jungen Erwachsenen die Hilfe beantragen“

Über das 21. Lebensjahr hinaus werden Hilfen nur ganz selten bewilligt. Dabei gibt es auch junge Erwachsene – noch nicht ganz stabil oder mit schweren Kindheitstraumata – die noch länger Unterstützung bräuchten.

Wie ist das für den Pädagogen und Menschen Schüz? Ist es frustrierend, immer wieder gegen Windmühlen zu kämpfen? „Wenn ich frustriert wäre, könnte ich meine Arbeit nicht machen“, sagt der Sohn einer Lehrerin und eines evangelischen Pfarrers, der Anfang der 60er Jahre mit vier Geschwistern zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald aufgewachsen ist. Der zuerst Mathe und Physik studiert hat, bevor er merkte, dass Soziale Arbeit das Richtige für ihn ist. Der musikalisch und humorvoll ist. Und, wie er selbst sagt, „die wilderen Sachen“ liebt: Bergwandern, Mountainbiken – in jungen Jahren auch: Höhlenforschung. Wie gut gerade dieses besondere Hobby zu seinem heutigen beruflichen Tun passt, hat der Lokaljournalist Christian Nick 2020 wunderbar in Worte gefasst: „Als Höhlenforscher kraxelt er durch Hohlräume, die noch nie zuvor ein Mensch betreten hat, watet dort im Tauchanzug durchs Wasser. Aus der Dunkelheit ans Licht – und den richtigen Weg finden: Später, als Pädagoge in der Jugendarbeit, wird er versuchen, junge Menschen genau dabei zu unterstützen.“ Und: Die Bedingungen für sie zu verbessern. „Die Welt hat sich immer nur in kleinen Schritten geändert“, sagt Schüz. Umso mehr freut ihn jede Verbesserung, wie die für 2021 angekündigte Novellierung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes.

Im Kinderdorf in Waldenburg wird das Thema Verselbstständigung ganzheitlich betrachtet: „Im Grunde fangen wir schon bei den Dreijährigen an“, sagt Heinrich Schüz. Selbstständig werden mit drei Jahren? „Es geht um Selbstwirksamkeit“, entgegnet der dreifache (Groß-)Vater. „Jedes Kind ist stolz darauf, wenn es etwas schon selbst kann. Nehmen wir ein Beispiel aus dem pädagogischen Alltag: Zähneputzen. Ich kann als Erwachsener hingehen und dem Kind die Zähne putzen. Oder ich leite es an und zeige ihm, wie es das selbst machen kann.“ Partizipation sei ein weiteres wichtiges Stichwort. Und: den Kindern und Jugendlichen etwas zutrauen. „Jede*r von uns weiß doch auch, wie gut es sich anfühlt, wenn jemand einem zeigt: Ich glaube, dass du das kannst.“

Für Heinrich Schüz der wichtigste Faktor: generationenübergreifendes, soziales Lernen – ein Leben lang. „Hier haben die Kinderdorfkinder einfach einen riesigen Nachteil. Wo andere in der Familie viele verschiedene Menschen haben, die ihr Leben unterschiedlich gestalten und verschiedenen Berufen nachgehen, von denen sie sich Dinge abschauen und – ganz natürlich und nebenbei, ohne Bevormundung – viel lernen können, gibt es das in der Heimerziehung (dazu gehören auch die Kinderdörfer) so nicht.“ Umso wichtiger sei es, solche Netzwerke gerade für die Care Leaver – also diejenigen, die das Kinderdorf verlassen und eigene Wege gehen – zu schaffen. Das Waldenburger Kinderdorf tut dies unter anderem mit dem Ehemaligenbrunch, bei dem die Care Leaver, egal, wie lange sie schon nicht mehr im Kinderdorf leben, einmal im Monat gemeinsam essen und sich miteinander austauschen können.

Außerdem gibt es im ältesten der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer einen Ehemaligenrat. Ihm gehören stets 12 bis 14 Ehemalige an – vom ersten Kinderdorfkind (das heute 67 Jahre alt ist) bis hin zu jungen Erwachsenen, die gerade erst ausgezogen sind. Der Ehemaligenrat bietet Raum für offenen Austausch und Reflexion. „Und für unser Kinderdorf ist er durchaus auch ein wichtiges Beratungsgremium. Von den Ehemaligen bekomme ich eine gute Einschätzung, was gut läuft und was nicht. Wo Konzepte vielleicht überdacht und Dinge verändert werden müssen.“

Auch überregional würde Schüz diejenigen, die in den Kinderdörfern auf- und ihnen entwachsen sind, gerne stärker vernetzten. Eine geplante Tagung in Berlin musste Corona-bedingt leider zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Vernetzung gab es indes bereits auf anderer Ebene: Für das von der Aktion Mensch geförderte Projekt „Care Leaver – Wege in die Selbstständigkeit“ hat das Waldenburger Kinderdorf etwa mit den Martin-Bonhoeffer-Häusern in Tübingen zusammengearbeitet. Eine Kooperation gab es auch mit der Universität Hildesheim, die zum Thema forscht.

Grundsätzlich gilt: Selbstständig zu werden bedeutet mehr, als einen eigenen Haushalt führen zu können. „Da geht es um eine Lebenshaltung.“ Und darum, den eigenen Start ins Leben zu verstehen und zu verarbeiten. Sozialpädagoge Schüz erklärt: „Die Kinder müssen komplexe Fragen für sich beantworten. Wer bin ich? Warum bin ich im Kinderdorf aufgewachsen? Wie ist meine Beziehung zu meiner Herkunftsfamilie? Wo gehöre ich hin? Wie möchte ich mein Leben gestalten? Und wie kann ich das schaffen?“ Um solche Fragen drehen sich auch die Verselbständigungswochenenden », die das Kinderdorf für verschiedene Altersstufen konzipiert hat.

Wann ist Erziehung gelungen? Wann Verselbstständigung? Darauf kann auch Heinrich Schüz keine einfachen Antworten geben. Manchmal ist schon ein Schulabschluss ein Riesen-Erfolg. Auch wenn der- oder diejenige sich danach noch mit vielem schwer tut. „Erfolg ist es für mich, wenn wir Jugendlichen etwas mehr mitgeben können, als sie sonst voraussichtlich erreicht hätten. Wenn ich mir anschaue, mit welchen Voraussetzungen die Kinder zu uns kommen und mit welchem Potential sie gehen“, sagt Schüz. Ja, das ausgerufene Ziel lautet in der Regel: Die Schule abschließen, einen Beruf erlernen, allein leben und die eigenen Angelegenheiten managen können. „Aber Erfolg ist immer auch eine Definitionsfrage – und abhängig von den realen Gegebenheiten“, betont Schüz. „Unsere jungen Menschen hier in Waldenburg haben sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt und viele haben den Sprung in das selbstständige Leben gut geschafft, eine Ausbildung gemeistert, das Abitur geschafft…“

Dass die Hilfe nicht einfach so – und oft zu früh – aufhört, hält Schüz für wichtig. „Es gibt lauter kleine Dinge, über die andere schlicht nicht nachdenken müssen, die für Care Leaver aber sehr schwierig sind“, betont der Experte. Und erzählt von einem jungen Mann, der genau wusste, was er wollte und sich dafür mächtig ins Zeug gelegt hat, aber immer wieder auf Hürden stieß. Wer unterzeichnet etwa eine Bürgschaft für einen Mietvertrag, wenn da keine Eltern mehr im Hintergrund sind?

Natürlich kann man die Frage stellen, ob ältere Care Leaver nicht einfach andere Unterstützungen beantragen können. „Das ist sicher eine gute und berechtigte Frage“, sagt auch Heinrich Schüz. Und doch: Mit dem Formalhilfe-Wechsel hat er oft schlechte Erfahrungen gemacht. Auch deshalb springen oft noch die Pädagog*innen aus dem Kinderdorf ein. Leisten „Anschubhilfe“ und geben Sicherheit, bis die jungen Leute stabil im Leben unterwegs sind. Ehrenamtlich. Das sollte anders sein, findet Schüz. Jugendhilfe auch in den Übergängen bis Mitte 20 – das wäre sein Ideal.

Kontakt halten Schüz und seine Kolleg*innen – denen gegenüber der Kinderdorf-Leiter Wertschätzung und Ermutigung für ebenso wichtig hält wie den jungen Menschen gegenüber – noch zu einigen Ehemaligen. „Zum Teil sind sie seit über 30 Jahren aus dem Kinderdorf raus.“ Es sind eben gewachsene Beziehungen. Und für nicht wenige ist das Kinderdorf auch im Rückblick: Familie. Eine, der auch Heinrich Schüz sicher nicht ganz den Rücken kehren wird, wenn er jetzt in den Ruhestand geht.

Sabrina Banze, Bundesverband