Ein guter Start fängt vorher an – denn die Vorbereitungen für ein gelingendes Ankommen im Kinderdorf beginnen schon Wochen vor der Aufnahme. Die Eltern mit einzubeziehen, die fachliche Erfassung der Hilfebedarfe der Kinder und die Integration ins neue Lebensfeld sind weitere Grundsteine für das Gelingen.

Die Mutter von Paul und Michael trennte sich kurz vor Weihnachten vom Vater und verschwand ins Ausland. Seitdem haben die damals Eineinhalb- und Zweijährigen keinen Kontakt mehr zur ihr. Der Vater war mit der Versorgung von sechs Kindern überfordert. Zusammen mit dem Jugendamt wurde nach einer guten Lösung gerungen. Der Vater wollte, dass die Kinder gemeinsam wohnen, bis die häusliche Situation für eine Rückkehr stabil genug ist. Eine Unterbringung in einem Albert-Schweitzer-Kinderdorf schien hier die beste Lösung.

Gemeinsame Schritte im Vorfeld
Bei Platzanfragen in unserem Kinderdorf in Waldenburg findet das erste Treffen zwischen Jugendamt, Eltern, Erziehungsleitung und Hausmutter zur „Fallvorstellung“ ohne Kinder statt. Hier wird besprochen, was Eltern und Jugendamt vom Kinderdorf erwarten und was für einen Platz unter welchen Rahmenbedingungen das Kinderdorf anbieten kann.

War die fachliche Klärung erfolgreich, besuchen Hausmutter, Hausvater und Erziehungsleitung die aufzunehmenden Kinder an ihrem derzeitigen Lebensort. Sie wollen die Kinder in einer ihnen vertrauten Umgebung kennenlernen. Haben mehrere Treffen stattgefunden, können sie einschätzen, ob die aufzunehmenden Kinder gut zu ihnen passen.

Parallel finden noch Gespräche mit den Eltern statt. Den meisten Eltern fällt es schwer ihre Kinder in eine Kinderdorffamilie zu geben. Sie möchten, dass ihre Kinder schnellstmöglich wieder zu ihnen zurückkommen. Wir haben hier die Aufgabe, die Eltern für eine Akzeptanz der Unterbringung zu gewinnen. Oftmals können wir uns nur auf den kleinsten Nenner einigen.

Für die Eltern ist es hilfreich, dass wir ihre schwierige Situation anerkennen. Sie können so ihren Kindern vermitteln, dass sie die Unterbringung im Kinderdorf nicht möchten aber die Kinder dort bleiben müssen. Aus diesem Grund und um die Eltern nicht mit ihrem „Schmerz“ alleine zu lassen, begleiten wir die Umgänge die ersten Monate. Die akzeptierende Haltung der Eltern zur Unterbringung im Kinderdorf ist ein Schlüssel für eine gelingende Hilfe. Nur Kinder, die von ihren Eltern ein „Ja“  zum Leben im Kinderdorf haben, können die vielfältigen Entwicklungschancen im Kinderdorf positiv wahrnehmen.

Im neuen Lebensumfeld
Darüber hinaus ist die fachliche Klärung des Hilfebedarfs der Kinder von großer Bedeutung. Hieraus ergibt sich, welche Kontakte zu Kindergarten, Schule oder Psychologen vorab geknüpft werden müssen. Die Integration ins neue Lebensfeld „Waldenburg“ beginnt im Kinderdorf. Die Angebote unseres Jugendtreffs  ermöglichen den „neuen“ Kindern andere Kinder kennenzulernen. Die „neuen Freunde“ werden zu Unterstützern und Brückenbauern, um das Lebensfeld „Waldenburg“ zu erkunden.

Paul und Michael haben ein neues Zuhause im Albert-Schweitzer-Kinderdorf gefunden. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit, in der sie gleichaltrige Kinder kennengelernt haben, besucht Paul den Kindergarten. Der Vater ist trotz intensiver Vorbereitung nicht mit der Unterbringung einverstanden aber er ist froh, dass er seine Jungs besuchen kann. Und das zeigt er der Hausmutter: „Danke, dass sie sich so gut um meine Kinder kümmern“.

Michael Heimbach, Erziehungsleiter im Kinderdorf Waldenburg

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