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„Wenn es von Herzen kommt, dürfen sie mich Mama nennen“

Berlin. Mit Mitte 20 fassten Stephanie Moorkamp und ihr Mann Andreas den Entschluss, als Kinderdorfeltern zu arbeiten. Die heute 47-Jährige, die im April gemeinsam mit ihrem Mann ihr 20-jähriges Jubiläum als Kinderdorfmutter in Berlin feierte, spricht im Interview über die lebenslange Sehnsucht vieler Pflegekinder nach ihrer Familie,  Rituale zum Muttertag und ihre Erkenntnisse aus den letzten 20 Jahren.

 Am 13. Mai ist Muttertag. Sie ziehen acht Kinder auf, sechs davon in Pflege. Sehen die Kinder Sie als Mutter an?

Moorkamp: Nein, ich bin immer für die Kinder da und habe eine sehr enge Beziehung zu ihnen, aber die Mutter bleibt die Mutter, egal was passiert ist. Die Sehnsucht, eine Mutter zu haben, die an sie denkt, ist immer da. Viele Mütter rufen nicht mal zum Geburtstag an. Dieses erleben die Kinder als immer wiederkehrende Enttäuschung und das Verlassenheitsgefühl holt sie permanent ein.   Man kann ganz viel an Beziehung geben aber ich werde nie die Mutter ersetzen. Für mich ist es schön, wenn die Kinder sagen, du warst immer wie eine Mama für mich.

Dürfen die Kinder sie auch Mama nennen?

Moorkamp: Wenn es von Herzen kommt, dürfen sie mich Mama nennen. Nicht als eine Art Rufname, ich heiße Steffy. Wenn sie es fühlen, dann ist es ok. Da sprechen wir ganz offen und manchmal wechseln  sie und sagen Steffy und nicht Mama.

Das klingt nicht ganz leicht. Wie gehen die Kinder mit dem Muttertag um?

Moorkamp: Manchmal sind sie in einem Loyalitätskonflikt, überlegen, ob sie ihre Bastelei aus der Schule mir oder ihrer leiblichen Mutter schenken sollen. Ich hatte aber auch schon ein Kind, das seiner Mutter gesagt hat, das Geschenk habe ich jetzt schon Steffy geschenkt. Ich wäre nicht traurig, wenn sie das Geschenk der Mutter geben, denn ich erlebe jeden Tag Freude und Herausforderungen mit ihnen. Schöne Erlebnisse sind mir wichtiger als ein Geschenk zum Muttertag.

Sie haben im April ihr 20-Jähriges Jubiläum  als Kinderdorfmutter gefeiert. Wie verändern sich die Kinder, wenn sie bei Ihnen sind?

Moorkamp: Wenn sie kommen, sind sie erstmal sehr angepasst. Die Schwierigkeiten kommen erst nach einigen Monaten, wenn sie merken, dass sie sich hier fallen lassen können. Was tief innen drin sitzt, kommt oft erst nach Jahren raus. Das ist dann eigentlich immer ein gutes Zeichen. Viele haben den festen Willen, dass es anders wird, als in ihrer Kindheit. Doch zunächst einmal braucht es sehr, sehr viel Geduld, um den Kindern wieder Vertrauen in sich und die Welt zu geben.

Und wenn das Vertrauen aufgebaut ist, entwickeln die Kinder sich gut?

Moorkamp: Das ist unterschiedlich, in der Pubertät kommen bei vielen Erinnerungen an die Kindheit hoch, auch meine eigenen Kinder fragen jetzt ganz viel und wollen alles ganz genau wissen. Sie fangen an, nach ihren Wurzeln zu suchen und  wollen auf ihre Fragen Antworten haben. Wenn sie diese nicht bekommen, weil die Herkunftsfamilie nicht da ist oder die Fragen nicht beantwortet, kann das schwierig werden. Oft stellen sie dann alles in Frage, auch die schönen Jahre hier.  Das ist auch für uns nicht leicht.

Kindergarten Mittelalter

Stephanie Moorkamp (47) lebt mit ihrem Mann, ihren beiden eigenen Töchtern und sechs weiteren Kindern im Alter von neun bis elf Jahren in Berlin.

 


Wie gehen sie damit um?

Moorkamp: Das ist verletzend, weil man die Kinder von klein auf begleitet hat. Ich hatte  schon zweimal den Fall, dass ein Mädchen mit 14 ausgezogen ist. Sie mussten es ausprobieren, schauen, wie es ist wieder nach Hause zurückzukehren. Vielleicht war das für ihre Entwicklung nötig. Heute haben wir wieder einen sehr guten Kontakt und sie kommen auch oft mit ihren eigenen Kindern.

Sie haben 15 Kinder groß gezogen. Haben Sie einen Tipp, was man tun kann, wenn die Kinder sich mal gar nicht so verhalten wie man es sich wünscht?

Moorkamp: Mir ist das persönliche Gespräch sehr wichtig. Wenn es Probleme gibt, sollten sie zeitnah besprochen werden. Vier Wochen Fernsehverbot helfen da nicht weiter, wir wollen ja wissen, warum ein Kind sich so verhält. Das wichtigste ist, das Kind zu verstehen.

Was haben Sie in Ihrer Zeit als Kinderdorfmutter gelernt?

Moorkamp: Ruhe und Gelassenheit. Es gibt für alles eine Lösung und einen Weg. Auch wenn es sich in dem Moment nicht immer so anfühlt.

Was macht Ihnen an der Tätigkeit so viel Freude?

Moorkamp: Ich sehe es nicht als Arbeit, sondern als mein Leben. Bis jetzt habe ich keinen Tag bereut.

Spendenkonto – IBAN: DE80 1002 0500 0003 3910 01 | BIC: BFSWDE33BER | Bank für Sozialwirtschaft, Berlin »
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