Oase für verletzte Kinderseelen

Mädchen mit Teddy

Jeder Tag ein Abenteuer mit Überraschungen und Herausforderungen: Wer kleine Kinder hat, kennt das. Und wenn zur Großfamilie gleich acht Kinder gehören, die alle Schlimmes durchgemacht haben und nicht bei ihren Eltern aufwachsen dürfen?

Maren Halle-Krahl und Karin Kendlinger meistern diese Herkulesaufgabe Tag für Tag. Sie wohnen in Pinswang bei Neubeuern mit je sieben Sozialwaisenkindern in zwei Häusern des Albert-Schweitzer-Familienwerks Bayern. Halle-Krahl schon seit 2005 im Kerbhaus, Kendlinger seit 2015 im Rosenhof. Mit der Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ sollen die Häuser erweitert werden, damit sich die Jugendlichen altersgerecht auf die Selbstständigkeit vorbereiten können. Ein Interview des Oberbayerischen Volksblatts mit den beiden Frauen.

Frau Halle-Krahl, welche Kinder kommen zu Ihnen?
Buben und Mädchen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen dürfen. Sie haben alle Pech gehabt und schlimme Erfahrungen gemacht – Traumata, Verhaltensauffälligkeiten oder Krankheiten sind die Folge.

Was ist den Kindern konkret zugestoßen? Warum wurden sie ihren Eltern weggenommen?
Konkrete Angaben zu den Kindern in Pinswang darf und will ich nicht machen. Aber man kann sich vorstellen, warum das Jugendamt einschreitet: Wenn die Eltern überfordert oder krank sind. Auch Alkohol, Drogen und Straftaten können dabei eine Rolle spielen. Die rund 600 Kinder, die deutschlandweit in Kinderdorfhäusern des Albert-Schweitzer-Familienwerks aufwachsen, sind aus zum Teil erschütternden Verhältnissen gekommen, sind vernachlässigt oder misshandelt worden.

In welchem Alter kommen die Kinder zu Ihnen und wie lange bleiben sie?
Selten sind sie unter drei Jahren. Mit vier geht es los, wenn jemand im Kindergarten merkt, dass etwas nicht stimmt. Unsere Pinswanger Kinder sind inzwischen alle eingeschult. Nun sind wir auf den nächsten Kleinen gespannt. Statistisch sind unsere Kinder zwischen acht und 14 Jahre alt, die Verweildauer liegt in Pinswang im Schnitt bei sechs Jahren, manche sind aber auch zehn Jahre da.

Woher kommen die Kinder?
Manche aus Kliniken oder Heimen, andere direkt von den Eltern oder Verwandten.

Wie groß ist Ihr Einzugsbereich?
Alle Kinder kommen aus Oberbayern, die meisten davon aus der Region – also aus den Landkreisen Rosenheim, Traunstein, Mühldorf oder Miesbach. Es war mal ein Bub aus München dabei, ein Mädchen aus Ingolstadt. Aber das ist die Ausnahme.

Was wollen Sie erreichen?
Wir versuchen, den Kindern das zu geben, was sie meist nicht hatten: Halt und Geborgenheit, Ruhe und Zuwendung. Dabei sind feste Rituale, Ordnung und Arbeit von großer Bedeutung. Hinzu kommt die Idylle: Wer nicht zuhause aufwachsen darf, soll sich hier wie zuhause fühlen.

Was meinen Sie mit dem Begriff „Arbeit“?
Viele unserer Kinder sind vom Leben stark benachteiligt worden. Sie kommen zu uns ohne positive Selbstwirksamkeitsvermutung – also ohne das Selbstvertrauen und die Vorstellung, in dieser Welt etwas bewegen zu können, weil sich Erfolg durch eigenes Tun für sie bis dahin einfach nicht fühlbar ereignet hat. Hier hat jeder Jugendliche seine Aufgaben zu erfüllen. Wer eine schwierige Kindheit hat, wird in der Schule mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht brillieren. Diese Buben und Mädchen müssen lernen, mit ihren Händen etwas anzufangen. Dieses Arbeiten jenseits von Lust und Unlust muss gelernt sein. Der Erfolg tut dann den Kindern selbst unmittelbar gut und macht Lust auf mehr und da wollen wir schließlich hin.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Jessica verkörpert so eine Erfolgsgeschichte – ein Mädchen, das vor vier Jahren mit 14 ins Kerbhaus gekommen ist. Sie stand damals kurz vor dem Scheitern, hatte eine schlechte Sozialprognose. Hier in Pinswang hat Jessica das Arbeiten gelernt. Aus der unverbesserlichen Rotzgöre – so war sie uns angekündigt worden – ist rasch ein junges Mädchen geworden, das ohne Murren den Pferdestall ausgemistet, sich um Kleinere kümmert und den Schulabschluss geschafft hat. Jetzt ist sie 18, wohnt bei ihrem Freund und macht eine Lehre.

Quelle: Oberbayrisches Volksblatt, 24. November 2018

Der Rosenhof stellt sich vor

2018-12-04T22:43:16+00:0006. Dezember 2018|Allgemein, Bayern, Pressemitteilungen 2018|
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