„Soll ich meinen Turnschuh oder lieber den Stiefel rausstellen?“ „Entscheide Du. Es gibt so viel wie hineinpasst“. Jedes Jahr am 6. Dezember spielt sich dieselbe Szene ab, wie Kinderdorfmutter Melanie Grochalsky schmunzelnd erzählt. Am Ende stehen zehn Paar Stiefel im Wintergarten, die vom Nikolaus gut gefüllt werden.

Kein Monat ist so stark von Ritualen geprägt wie der Dezember. Alle Jahre wieder werden Plätzchen gebacken, Kerzen angezündet und Geschenke gebastelt. In vielen Familien wird die Weihnachtszeit jedes Jahr auf dieselbe Art und Weise gefeiert. Rituale schaffen Ordnung, geben Halt, schenken ein Zugehörigkeitsgefühl und Geborgenheit. „Es ist gerade für unsere Kinderdorfkinder ganz wichtig, dass sie spüren, ich bin in einem Umfeld, das berechenbar ist, und hier können sich Groß und Klein aufeinander verlassen“, bestätigt Melanie Grochalsky vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf Waldenburg, Baden-Württemberg.

Die Kinderdorfmutter bastelt alljährlich einen Adventskalender. Jeden Tag ist ein anderes Kind an der Reihe, das Türchen zu öffnen. Am Sonntag gibt es für alle Kinder ein kleines Gemeinschaftsgeschenk, so dass jedes Kind genau zwei Mal an die Reihe kommt. Melanie Grochalsky achtet sehr darauf, dass keines der zehn Kinder im Alter von 6 bis 18 Jahren bevorzugt wird. Auf dem Buffetschrank ist ein Adventsweg aufgebaut. Jeden Abend im Advent versammelt sich die Familie dort gemeinsam für eine halbe Stunde. Eines der 24 Teelichter wird angezündet und die Figuren von Josef und Maria rücken ein Stück weiter in Richtung Krippe. Es gibt einen Plätzchenteller und einige Kinder spielen Flöte oder Klavier. Danach liest Melanie Grochalsky oder eines der Kinder das nächste Kapitel einer 24-teiligen Adventsgeschichte vor.

So feiert Familie Grochalsky

An Heiligabend kommen auch die Kinderdorfkinder, die schon auf eigenen Beinen stehen, wieder zu den Grochalskys. Die eine Hälfte der Kinder geht gemeinsam mit der Kinderdorfmutter in die Kirche, die anderen helfen Kinderdorfvater Thomas beim Christbaumschmücken und Tischdecken. Beim gemeinsamen Abendessen gibt es traditionell Würstchen mit Kartoffelsalat. Danach folgt das letzte Kapitel der Adventsgeschichte und dann ist endlich Bescherung. Für jedes Kind liegt die gleiche Anzahl an Päckchen unter dem Weihnachtsbaum und jedes Kind hat ein eigenes Geschenkpapier. Erst wenn sich alle ein Geschenk geholt haben, wird ausgepackt. „Der restliche Abend ist dann einfach großes Spielen“, erzählt Melanie Grochalsky.

An Silvester packen alle in der Küche mit an, damit Pizzaschnecken, Gulaschsuppe, Berliner und viele weitere Leckereien fertig sind, wenn am Abend die Gäste eintreffen. Die Zeit vergeht wie im Flug bei „Dinner for one“, Tischfeuerwerk und gemeinsamen Spielen. Schon wird der Countdown gezählt und angestoßen. Nach dem Feuerwerk heizt Kinderdorfvater Thomas den Grill an und es gibt die traditionelle Neujahrswurst. Am nächsten Morgen bereiten alle gemeinsam den Neujahrsbrunch vor. Kinderdorfmutter Melanie schildert: „Gegen Mittag schauen die anderen Kinderdorffamilien bei uns vorbei, wir erzählen und schwelgen in Erinnerungen. Und ich muss noch zwei Kuchen backen. Am 2. Januar haben wir gleich zwei Geburtstagskinder und es ist bei uns ein Geburtstagsritual, dass sich jedes Kind einen Kuchen wünschen darf.“

Melanie Grochalsky und Eva Seibel, Kinderdorf Waldenburg