„Auch wenn es wehtut: Wir müssen hinsehen, damit wir betroffenen Kindern helfen können! Gerade jetzt“, betont Margitta Behnke, Geschäftsführerin der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke, anlässlich der gerade in Berlin vorgestellten Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019, der zufolge sexualisierte Gewalt gegen Kinder deutlich zugenommen hat.

„Tausende Kinder in Deutschland wurden – und werden gegenwärtig – Opfer von Misshandlung und sexualisierter Gewalt. Mit den Folgen dieser Taten sind wir in unseren Einrichtungen ständig konfrontiert: Gewalt zerstört das Selbstvertrauen von Kindern beeinträchtigt ihre gesamte Entwicklung. Die Betroffenen leiden oft lebenslang seelisch und körperlich“, sagt Margitta Behnke. Vor diesem Hintergrund bereiten ihr – wie vielen anderen Expert*innen – die Auswirkungen der Corona-Pandemie große Sorgen: „Viele Familien sind am Limit. Sie stehen seit Wochen unter Druck. Das birgt ein enormes Potential für sexuelle, körperliche und andere Formen der Gewalt“, hatte Behnke bereits vor Bekanntwerden der Zahlen für das vergangene Jahr gewarnt. Sie ruft dazu auf, wachsam zu sein für die Nöte von Kindern, die Gewalt erfahren: „Betroffene Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene genau hinsehen.“

Einen Anstieg von 14.606 auf 15.936 Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder verzeichnete das Bundeskriminalamt im vergangenen Jahr. Durchschnittlich 43 Kinder wurden 2019 jeden Tag sexuell missbraucht. Erfasst wurden außerdem 12.262 Fälle von Herstellung, Besitz und Verbreitung kinderpornografischer Schriften – das bedeutet eine Zunahme von 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und immer auch: „dass hinter jedem ins Internet eingestellten Material der reale Missbrauch eines Kindes steht“, wie das Bundeskriminalamt klarstellt. Die starke Zunahme von Kinderpornografie-Delikten sei vor allem damit zu erklären, dass die Behörden der Länder besser auf den höheren Eingang von Hinweisen eingestellt seien und mehr Fällen nachgehen könnten.

Darüber hinaus weist die Statistik 4.055 Fälle von Kindesmisshandlung aus (2018: 4.129). 112 Kinder kamen 2019 gewaltsam zu Tode, 93 Prozent davon starben vor ihrem sechsten Lebensjahr.

Die Zahlen sind bedrückend. Und dann ist da noch die Dunkelziffer: „Viele Taten bleiben unentdeckt, vor allem dann, wenn die Täter – wie sehr häufig der Fall – aus dem sozialen Nahbereich der Opfer stammen“, so das Bundeskriminalamt.

Auch zur aktuellen Situation in der Corona-Krise äußerte sich Bundeskriminalamtschef Holger Münch in Berlin bei der Pressekonferenz zur Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik: Mehr Fälle von Kindesmissbrauch würden derzeit nicht bei der Polizei gemeldet. Es sei jedoch zu befürchten, dass Misshandlungen nicht auffallen, weil die Kinder im Moment nicht mehr in die Kita, zur Schule oder zum Kinderarzt gehen und somit entscheidende Hinweisgeber*innen im sozialen Umfeld der Kinder fehlten. Münch: „Es ist wichtig, dass das soziale Umfeld trotz physischer Distanz aufmerksam bleibt und sich bei einem Verdacht an die Polizei oder an Beratungsstellen und das Jugendamt wendet.“

Alle Informationen zur Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik finden Sie hier.

Wir sind auch in der Krise für Kinder und Familien da, die Hilfe brauchen. So berät etwa die Informations- und Kooperationsstelle gegen häusliche und sexuelle Gewalt (Infokoop) Künzelsau des Albert-Schweitzer-Kinderdorfes Waldenburg derzeit telefonisch (07940/939951) oder per Videoschaltung.

Beitrag: Sabrina Banze, Bundesverband
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