
Nürnberg. Draußen laufen die Hühner über den Hof, die Hunde liegen gemütlich zusammengerollt auf einem Fell in der Ecke, in der Küche brutzelt Haushälterin „Heidi“ Lindner das Mittagessen für die Kinder, die gleich von der Schule kommen. Am Tisch sitzen Axel und Ulrike Curschmann, und lassen die letzten zehn Jahre als Kinderdorfeltern Revue passieren. Damals wollten sie eine Kommune gründen, aber dann wollte der Zufall es anders.
„Es war unser Traum, mit befreundeten Paaren ein Dorfhaus mit eigenen und fremden Kindern aufzumachen. Dann kam die Stellenausschreibung des Albert-Schweitzer-Familienwerks Bayern“, erinnert sich Ulrike Curschmann. Damals überlegten sie und ihr Mann nicht lange, die eigenen Töchter waren aus dem Haus, Zeit für einen Neuanfang. „Dann kam Heidi“, ergänzt Ulrike mit Blick auf die Haushälterin, „zum Glück“. Gemeinsam mit drei ErzieherInnen, die die Curschmanns im Schichtdienst unterstützen, vervollständigt sie das Team. Die erste Generation Kinder zog ein, fünf Jungen, für die Curschmanns begann ein ganz neuer Alltag. „Wir mussten ein dickes Fell entwickeln. Es ist schwer, auszuhalten, was die Kinder erlebt haben“, versucht Ulrike Curschmann zu erklären.
Jedes Hauselternpaar ist anders, legt für sich fest, wie es seine Rolle definiert, wie nah es die Kinder an sich heranlässt. Ulrike und Axel nehmen die Kinder mit ganzem Herzen auf, oder, wie Haushälterin Heidi Lindner es formuliert, „mit allen Armen, die sie haben“. Und nicht nur die Kinder – wenn es Knatsch in der Nachbarschaft gibt, geht Ulrike Curschmann mit einem Teller Plätzchen vorbei.
Für die Curschmanns ist alles andere keine Option. „Das ist Familie. Viele Kinder kennen wir seit neun Jahren. Es ist schön zu sehen, wie sie sich entwickeln.“ Beide erinnern sich gern an ihre Kindheit zurück, dieses Gefühl wollen sie an die Kinder, die aus den verschiedensten Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, weitergeben.
Die vier Mädchen und der 7-Jährige Junge, die hier leben, laden gerne andere Kinder auf den weitläufigen Hof ein. Das war nicht immer so, viele Kinder schämten sich dafür, Kinderdorfkind zu sein, wollten nicht, dass jemand von ihren Klassenkameraden Bescheid weiß. Aber auch heute noch gibt es Momente, die das Gefüge ins Wanken bringen. „Immer wenn Kinder ausziehen, zieht es an uns und an den Kindern“, sagt Curschmann. Denn dann kommen die verbleibenden Kinder ins Nachdenken, Sätze wie „Ich hätte auch gerne eine Familie“ fallen. Aber auch für die Kinder, die gehen, ist es ein besonderer Tag. „Von einem auf den anderen Moment sind sie auf sich gestellt, das ist eine große Umstellung“, sagt Ulrike. Ulrike und Axel haben zu beinahe jedem der Kinder noch Kontakt, viele kommen sie regelmäßig besuchen.
Bis es soweit ist, tun die Curschmanns ihr Möglichstes, um den Kindern Selbständigkeit zu vermitteln. „Unsere Kinder können alle kochen“, sagt Ulrike stolz. In einer kleinen Werkstatt neben dem Haus baut Axel mit den Kindern selber Möbel. Hier ist das Bett des kleinen Jungen entstanden, stolz läuft er zu einer Arbeitsplatte voller Späne und ruft „das ist mein Bereich“.
Das Haus am Wald, der große Garten – naturverbunden, ein Leben mit ihren Tieren war immer ihr Traum: „Das tut uns und den Kindern gut“. Diese helfen beim Ziegen füttern, Eier aus dem Stall holen, bis vor kurzem gab es einen zahmen Schafbock, der allen wie ein Hund hinter herlief. Für die Kinder ist es ihre Familie, für die Curschmanns ist das auch ein Stück Selbstverwirklichung.
Eigentlich wollten sie nur zehn Jahre Hauseltern sein. Die Entscheidung, länger zu bleiben, haben sie schon vor einigen Jahren getroffen, als sie eine neue Generation aufgenommen haben: „Die Kinder, die jetzt bei uns leben, kriegen wir auch noch groß“, sagt Axel Curschmann auf seine typisch trockene Art.
Hanna Irabi, Bundesverband
