//Trotz Arbeit in Armut

Trotz Arbeit in Armut

Die 41-jährige Karin M. und ihre sechsjährige Tochter Mia können nicht aus eigener Kraft und ohne die Hilfe der Tafel des Albert-Schweitzer Familienwerkes Brandenburg ihren täglichen Ernährungsbedarf decken. Dafür reicht das Geld nicht. Sie ist dankbar für die Unterstützung – wie so viele.

Das Albert-Schweitzer-Familienwerk Brandenburg e.V. ist Träger von vier „Tafel“-Projekten mit vier zusätzlichen Ausgabestellen im Land Brandenburg. Über 17.600 Menschen wenden sich regelmäßig hilfesuchend an diese Tafeln, darunter mehr als 4.000 Kinder. „Diese Zahlen sprechen für sich, Tendenz steigend“, meint Margitta Behnke, Geschäftsführerin des Verbandes der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke. Sie spricht von „bedrückenden Schicksalen von Menschen, die immer weiter in ein gesellschaftliches Abseits gedrängt werden und trotz Arbeit die Tafel für ihr Überleben in Anspruch nehmen müssen.“ Laut der jüngsten Erhebung des Statistischen Bundesamtes arbeiten über sechs Millionen Menschen im Niedriglohnsektor, das entspricht jedem fünften Arbeitnehmer. „Das ist die bittere Realität“, so Behnke weiter.

Wenn Karin M. ihre Lebensgeschichte erzählt, treibt es ihr nicht die Tränen in die Augen, verbittert ist sie auch nicht. Doch Knall auf Fall kann sich einiges urplötzlich ändern. Das hat sie selbst erlebt. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die das Kartenhaus zusammenfallen lassen. Das kann jedem passieren.

Es ist eine typische Wendegeschichte. Zu DDR-Zeiten hatte sie für sich den Traumberuf gefunden. Sie arbeitete als Glasveredlerin. Dann fiel der Eiserne Vorhang, auch für sie persönlich. Waren die eigenen Erwartungen an Hoffnungen geknüpft, so musste sie selbst schnell feststellen, dass sie enttäuscht wurden. „Nach dem Mauerfall hatte ich nur Jobs mit einer Befristung von einem Jahr. Verlängert wurden sie nicht. Meine Lebensplanung war dementsprechend stark eingeschränkt. Entmutigen lassen habe ich mich dennoch nicht. Ich wollte und konnte das verkraften“, sagt sie rückblickend.

Die 90er Jahre stehen für die Bewohner im Osten der Republik als Synonym für einen Findungsprozess, der für manche dennoch mit Ernüchterung behaftet ist. Infolge der umstrittenen Arbeitsmarktreform im Jahr 2002, subsumiert auf den Begriff Hartz IV, sind in Ost wie West die finanziellen Hilfsleistungen auf ein Minimum zurückgeschraubt worden. Auch für Karin M.. Zunächst heiratete die heute 41-Jährige, ihre Tochter Mia wurde geboren. Das Glück schien ihr wieder hold zu sein. Mitnichten. Die Ehe scheiterte, wenngleich der Kontakt zu ihrem damaligen Mann nach wie vor gut ist und sie von ihm zu einem gewissen Grad finanziell unterstützt wird.

Seit 2007 hat sie wegen der Geburt ihrer Tochter keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt. „Kinder sind für viele Arbeitgeber abschreckend. Ich sei nicht flexibel genug, so die Begründung, die ich mir immer anhören muss. Ich frage mich, in was für einer Gesellschaft wir leben.“ Mit Gelegenheitsjobs hält sie sich und Mia seither über Wasser. Doch das Geld reicht hinten und vorn nicht. 390 Euro darf sie laut der Hartz-IV-Behörde dazuverdienen. Kein einziges Bewerbungsangebot hat die nahe Spremberg in einer kleinen Ortschaft lebende Frau seither erhalten. Bei einem Lebensmitteldiscounter arbeitet sie dreimal pro Woche  – stundenweise, je nach Bedarf. „Das ist unbefriedigend. Ich will mehr arbeiten, erhalte aber keine Unterstützung vom Arbeitsamt. Verträge werden kurzzeitig befristet verlängert, dann steht man wieder auf der Straße“, befürchtet sie. Die Marotte von einigen Arbeitgebern ist oftmals identisch. Statt eine Festanstellung zu gewährleisten, wird nur die Aussicht dahin offeriert. Zumeist gibt es am Ende keine Verlängerung, stattdessen wird jemand neu eingestellt – natürlich befristet. „Es ist ein  Kreislauf, aus dem ich nicht herauskomme. Ich fühle mich ausgebeutet, der Staat schafft keine Möglichkeiten.“

Von den ihr zur Verfügung stehenden 1.200 Euro inklusive der Unterhaltszahlungen durch ihren ehemaligen Mann und Hartz-IV-Bezüge muss alles einschließlich der Miete für die kleine Wohnung bestritten werden. Darunter leidet auch ihre Tochter. Sie geht in die zweite Klasse einer Grundschule. Niemand weiß, auch aus Schamgefühl, dass sie zum Mittagessen mit ihrer Mutti zur Tafel der Albert-Schweitzer-Familienwerke geht. „Das ist ein Glücksfall für uns“, sagt die 41-Jährige.

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V., sieht die Politik in der Pflicht: "Die Hilfe der Tafeln oder gemeinnütziger Organisationen überhaupt ist kein Ersatz für sozialstaatliche Leistungen. Bürgerschaftliches Engagement entbindet den Staat nicht von der Fürsorgepflicht für seine Bewohner. Gemeinnützige Initiativen können Armut nicht beseitigen, aber bei einem Teil der Betroffenen ihre Folgen lindern. Daseinsvorsorge ist Aufgabe des Staates – und muss es bleiben." Derzeit gibt es 912 Tafeln in Deutschland. Bundesweit unterstützen sie regelmäßig über 1,5 Millionen bedürftige Menschen mit Lebensmitteln – knapp ein Drittel davon Kinder und Jugendliche.

Karin M. legt indes Wert auf gesunde Ernährung. Ohne das Angebot der Tafel könnte sich die Kleinfamilie das nicht leisten. Einmal pro Woche gelingt es ihr nach Spremberg zu fahren, um bei der Tafel Grundnahrungsmittel zu erhalten. „Für mich, aber vor allem fürs Kind, ist das wichtig – das Beste für Mia. Dafür stehe ich über meinem eigenen Stolz“, sagt sie. Ihre Tochter wird während der Arbeitszeit mit einer Vier-Stunden-Genehmigung des Amtes betreut, zwei Stunden vor, zwei nach der Schule. Wochenendausflüge zur Erholung sind nur dann möglich, wenn sie nicht mit finanziellen Belastungen einhergehen. In den Urlaub sind ist die kleine Familie schon lange nicht mehr gefahren. „Ich muss meiner Tochter viel erklären. Warum sie nicht so lange duschen kann, kaum Süßigkeiten oder nur kleine Geburtstagsgeschenke als Aufmerksamkeit  bekommen kann, weiß sie mittlerweile.“

Margitta Behnke ihrerseits hofft darauf, dass sich insbesondere die Politik die Worte Albert Schweitzers zu Herzen nimmt: „Was der Welt am meisten fehlt, sind Menschen, die sich mit den Nöten Anderer beschäftigen“.

Info: Das Albert-Schweitzer-Familienwerk Brandenburg e.V. ist ein gemeinnütziger und mildtätiger Verein, der seinen Sitz in Spremberg hat und seit 1996 vernetzte Hilfen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus einer Hand unter einem Dach anbietet.

Im Familienzentrum und im Albert-Schweitzer-Haus in Spremberg sind eine Reihe von Beratungs- und Hilfsdiensten untergebracht wie z.B. die interdisziplinäre mobile und ambulante Frühförder- und Beratungsstelle, die Erziehungs- und Familienberatungsstelle, die flexiblen Hilfen zur Erziehung, Einzelfallhelfer, die Projektleitung Familienarbeit im Verbund (FIV), der offene Jugendtreff, die Vermittlungsstelle Täter-Opfer-Ausgleich, die Selbsthilfekontaktstelle (KISS), die Sozialakademie und die Projektleitung Tafelarbeit. Außerhalb der Häuser sind unsere Familientreffs in Tschernitz, Döbern, Groß Schacksdorf, Welzow und Spremberg sowie die Praxis für Logopädie, die Schulsozialarbeit und die Tagesgruppe „Ausweg“ angesiedelt.

Das Albert-Schweitzer-Familienwerk fungiert darüber hinaus als Träger von Kindertagesstätten in Graustein, Groß Luja, Sellessen / Haidemühl und Schwarze Pumpe, des Hortes Sellessen/ Haidemühl sowie über Tafeln für Bedürftige in Spremberg, Welzow, Cottbus, Drebkau und Luckau. Im Schuljahr 2005/ 2006 hat der Betrieb der Grundschule „Lausitzer Haus des Lernens“ mit Hort in Spremberg erfolgreich begonnen. Die Schule ist eine staatlich anerkannte Ersatzschule.

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2017-11-26T14:59:34+00:00 19. August 2013|Allgemein|
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